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ALFREDO ACETO UND DAS ANTIHEROISCHE OBJEKT
CATERINA MOLTENI

 

Turin ist eine Stadt, die den Blick für weit Entferntes und das bewegte Geschehen schärft. Wenn die Routinen und der Druck des Arbeitsalltags einem die Luft abschnüren, geht man an den Po hinunter, macht einen Spaziergang an seinem Ufer und sieht ihm beim Fließen zu.
Wie man dort am Ufer versucht, wieder Atem zu schöpfen und die Augen nach einem Ruhepunkt in der Ferne Ausschau halten, fällt der Blick auf die Ruderer und folgt ihrer fließenden Bewegung auf der Wasseroberfläche. Alle anderen Einzelheiten der Flusslandschaft verblassen.

Der Azure ist ein Cabrio der Automarke Bentley, das dem Lenker und seinen Beifahrern ein Panoramaerlebnis bieten soll. Ziel bei der Gestaltung des Luxusautomobils, dessen Name an die Farben und Atmosphäre der französischen Riviera (auf Italienisch „Costa Azzurra“ oder „himmelblaue Küste“ genannt) erinnern soll, war eine Steigerung des visuellen Genusses einer Fahrt entlang der Küste, den imaginären Bahnen von Horizont und Straße folgend. In den fließenden Kurven der Karosserie schwingen die Uferlinie und die Umrisse der Felsvorsprünge nach. Der Azure ist selbst ein Horizont, dessen Verdeck wegklappbar ist, sodass der Wagen sich harmonisch in den Küstenverlauf einfügt als die Linie, an der das Aroma und die Sinnesreize einer Farbe in die Töne einer authentischen Landschaft übergehen.

Alfredo Aceto (geb. 1991 in Turin) stellt Vektoren, die ein Ding und eine Identität bestimmen, auf die Probe. Sein Interesse am Wesen des Objekts lässt ihn seine Eigenschaften erkunden, um es dann neu zu denken, ihm eine Form zu geben, die seine narrativen Potenziale erweitert.Echinoidea(2018) gehört zu einer Reihe von Skulpturen, die der Künstler aus der Form des Auspufftopfs, eines schalldämpfenden Bauteils, entwickelt hat. Von Handwerkern aus Polystyrol gefertigt, mit Glasfaserstoff überzogen und dann umgestülpt, zeigt es seine schillernde Oberfläche. Spielt die gewählte Farbe auf die Welt der industriellen Produktion an, aus der es stammt, so verhindert der Aufbau der Skulptur doch jede funktionelle Verwendung, indem er ihr die vom Titel angedeutete neue Anmutung verleiht. Ähnlich die Arbeit Olive Sea Snake Digesting a Watermelon(2018), für die der Auspufftopf durch eine Krümmung an seiner schmalsten Stelle strukturell verändert wurde. Der Künstler beschreibt seinen plastischen Eingriff als einen „verträumten Buckelwal“, als ein Element, das es erlaubt, das Objekt in einen neuen Zusammenhang zu überführen und erzählerisch zu aktivieren.
Beide Skulpturen helfen zu begreifen, was genau für Aceto ein Objekt ausmacht und warum das gerade heute ein wichtiges Thema ist.

Das Nachdenken über die Natur des Objekts und die Vermögen des menschlichen Denkens, seinen Sinn zu erfassen, belebt nach wie vor den internationalen Diskurs, wie der Erfolg der OOO (objektorientierten Ontologie) und der neuen Materialismen zeigen, die in den letzten zehn Jahren in Europa und den Vereinigten Staaten immer mehr Verfechter gefunden haben. Zu den wichtigsten Anknüpfungspunkten dieser Theorien gehört Martin Heideggers Theorie der „Frage des Dings“, nach der ein Objekt sein Wesen in dem Augenblick zum Ausdruck bringt, in dem es kaputtgeht. Im Verlust seiner Funktionalität zeigt sich das Ding in seiner einfachen Gegenwart, seinem Hier und Jetzt. Auf diese Deutung des Objekts, die heute auf die Selbstbestimmtheit des Menschen Anwendung findet, der als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft organischer und anorganischer Wesen aufgefasst wird, wird auch zurückgegriffen, um das Kunstwerk, seine Einzigartigkeit, seine Geschichte und die Unmöglichkeit seiner erschöpfenden Interpretation begreiflich zu machen. Es mag eine faszinierende Idee scheinen, sich das Wesen eines Dings als sein einmaliges und von aller Funktionalität unabhängiges So-Sein zu denken, doch solche Theorien können leicht verwendet werden, das neoliberale Denkmodel zu stützen. So wie das kapitalistische System die Share- und Gig-Economy, von der momentan viel die Rede ist, längst vereinnahmt hat, lässt sich eine Verherrlichung der Wesenhaftigkeit des Objekts leicht in die derzeit vorherrschenden kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen einpassen.

Wie also können wir uns heute zu einem Objekt verhalten? Alfredo Aceto schlägt uns eine Ontologie des antiheroischen Objekts vor.
In der Literatur ist der Antiheld eine Figur, die zu jedem Heroismus unfähig scheint. Durch seine Untüchtigkeit artikuliert er eine Kritik der vorherrschenden Denkmodelle, wie der Held oder sein Gegenspieler sie verkörpern. Der Antiheld erlaubt die Entfaltung einer Gegen-Erzählung, einer Erzählform, die den Aufbau einer Geschichte nach den im gegebenen historisch-kulturellen Umfeld akzeptierten Maßstäben untergräbt.
Auch Objekte können Antihelden sein, wenn sie sich als Alternativen zu den zwei heute üblichen Weltbildern darstellen: zum „Essenzialismus“ (des „auratischen“ Objekts) wie zum Funktionalismus (des gebrauchsfertigen Konsumartikels).
Das antiheroische Objekt ist ebenso armselig, tölpelhaft und fehl am Platz wie der Protagonist von Fjodor Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, der unweigerlich an seinen eigenen Ansprüchen scheitert und noch ein Mittagessen in eine Zurschaustellung seiner Minderwertigkeitsgefühle verwandelt.
Genauso ahmen die Auspufftöpfe (Echinoidea, 2018, und Olive Sea Snake Digesting a Watermelon, 2018) mit ihren Oberflächen die einnehmende Beschaffenheit eines Automobils nach, ohne von dessen Ökosystem mehr als eine äußerst technische Rolle zu verändern. Durch diese Parodie ihres Status erlangen die Skulpturen die Freiheit einer literarischen Figur, die ihre Unzulänglichkeiten in eine neue erzählerische Form zu verwandeln in der Lage ist. In Juste un Clou Rose(2018) sinnt Aceto über die Gestalt eines mit Konnotationen befrachteten Gegenstands, hier eines Rings von Cartier, nach, indem er seine Farbe und Größe verändert, um eine Neutralität der Form bar aller offenkundigen ästhetischen Bezüge auf die Schmuckindustrie zu erreichen. In diesem Prozess der Entfernung von Einzelheiten entdeckt das Objekt in der Skulptur sich als etwas Neues, das von den Bestimmungen befreit ist, die es sonst auf einen einzigen produktiven, historischen und geografischen Zusammenhang festlegen. Die Form eines umgebogenen Nagels kann für eine andere Kultur zu einem Amulett werden. Ein Auspufftopf kann sich in das Bildnis einer Seeschlange verwandeln, die eine Wassermelone verdaut.
Zur Konstellation scheuer und untüchtiger Objekte gehören auch Gutter-Hydrant(2018), ein Gebilde, das halb Regenrinne, halb Hydrant ist und nun die Züge eines Wassertiers trägt, und Pen with an Arm(2018), ein Arm-Füller, der als Straßenschild dient. Aceto hat sie als Zeigegesten gestaltet, die den Blick des Betrachters lenken. In ihren doppelten und dreifachen Identitäten operieren diese Arbeiten als „Chimären“, die, obwohl unbeholfen und grotesk, eine Gegen-Erzählung und ein alternatives Modell des Einsatzes von Raum und der Betrachtung und Deutung von Objekten entfalten.

Ob in Form einer Ausstellung, einer gemächlichen Fahrt entlang der Trois Corniches an der französischen Riviera oder einer imaginären Flusskreuzfahrt, die Erfahrung des Beobachters ist verwandelt: Die statischen Elemente der Szene werden anders wahrgenommen und erinnert. Es ist eine Reise, blitzschnell oder beinahe unmerklich, in der die anwesenden Objekte und Personen ihre Merkmale verlieren und als entsättigte flüchtige Erinnerungen zurückbleiben.

Die freischaffende Kuratorin Caterina Molteni lebt und arbeitet in Turin. Sie koordiniert die Veranstaltungsprogramme des Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli – Torino, und ist Mitbegründerin des Projektraums TILE (Mailand) und der Zeitschrift KABUL. Sie hat für Flash Art Italiageschrieben, außerdem Beiträge zu Veröffentlichungen wie That’s IT, MAMbo Museum, Bologna,L’emozione dei colori nell’arte, Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, und Metadata Galaxies und Compost, beide herausgegeben von KABUL. Zuletzt kuratierte sie Emilio Vedova – Dalle Collezioni del Castello di Rivoli in Alba, Figure di Spago. Pratiche Narrativein der Fondazione Baruchello, Rom, und L’isola portatile im ADA, Rom. Sie studierte Philosophie an der Universität Mailand und hat einen M.A. in Curatorial Studies von der Kunstakademie Brera in Mailand. 2013–14 nahm sie am CAMPO an der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin teil.

 

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ALFREDO ACETO AND THE ANTI-HEROIC OBJECT
CATERINA MOLTENI


Turin is a city that trains your skill in looking at things from far away, things in movement. When workday routine and pressure begins clutching at your throat, you go down to the Po and stroll along its bank, watching it flow.

There by the river, attempting to catch your breath, your eyes in search of some distant object come to rest on the rowers and follow their fluid movement over the water, losing all the rest of the river’s detail in the process.

Azure is a convertible designed by the automobile maker Bentley to offer drivers and their passengers a panoramic ride. Evoking the colors and atmosphere of the French Riviera (the “Costa Azzurra” or “Sky-blue Coast” in Italian), the prestigious vehicle was conceived to enhance the visual experience while driving along the coast, following the imaginary lines of the horizon and the road. The flowing lines of the auto’s body develop in the direction of the sea and the land’s promontories. Azure is itself a horizon, its folding roof allows it to merge with the coastline, on the border between the fragrance and sensations of a color and the hues of an authentic landscape.

Alfredo Aceto (b. Turin, 1991) works at the frontiers of the vectors used to define a thing and an identity. Interested in the nature of the object, he explores its attributes in order to re-conceive it in some new form that expands its narrative possibilities.
Echinoidea(2018) is one of a series of sculptures the artist developed from the shape of automobile silencers also known as mufflers. Made in polystyrene by craftsmen and then faced with fiberglass, folded over onto itself, it shimmers brightly. If the color chosen alludes to the industrial production world from which it comes, the sculpture’s structure obstructs any possible functionality by inserting into it the new attribute suggested by the title. Olive Sea Snake Digesting a Watermelon(2018), in which the muffler was structurally modified by curving a section of its narrowest part, is conceived in the same way. The artist explains his sculptural intervention as “a dreamy hunchback”, an element that allows the object to be inserted in another context and transformed into a narrative device.
Both sculptures are useful in understanding just what an object means for Aceto and why it’s important for this to be discussed today.

Reflections on the nature of the object and the capacity of human thought to grasp its meaning continue to enliven the international discussion as demonstrated by the success of OOO (Object Oriented Ontology) and the new materialisms that have spread throughout Europe and the United States in the last ten years. The fundamental references for these theories include Martin Heidegger’s theory of “the question of things,” according to which an object expresses its essence precisely in the moment in which it breaks and loses its functionality. In this breakage, the thing manifests itself in its simple presence, here and now. This interpretation of the object, which today applies to the autonomy of a human being repositioned as a co-star among organic and inorganic beings, has also been used to analyze the nature of the work of art, its uniqueness, its story, and the impossibility of ever really interpreting it completely. Imagining the nature of a thing as a unique body separate from any function it has might appear fascinating, yet such theories could easily be used to strengthen the neoliberalist model of thought. In the same way that the new expressions of the sharingand gig economyhave been absorbed by the capitalist model, a glorification of the object’s essentiality can be easily incorporated into the moment’s dominant cultural and economic structures.  

In which terms may we then refer to an object today? Alfredo Aceto offers us an ontology of the anti-heroic object.
In literature, the antihero is a character apparently unable to play the hero’s role. Described as inept, he is used to criticize the dominant models of thought personified by the hero or the antagonist. The antihero enables the development of an anti-narration and a narrative work that subverts story structure as the narrative form accepted by the current historical-cultural context.
Objects can also be antiheroes when they pose themselves as alternatives to the today’s two prevailing worldviews: the one, “essentialist” (the “auratic”object), the other, functionalist (the ready-for-use consumer object).
The antihero object is as impoverished, blundering, and unsuited to the occasion as the protagonist of Fyodor Dostoevsky’s Notes from Undergroundwho is unable to carry his claims to conclusion and transforms a lunch into a show of all his deepest insecurities.
In the same way, the mufflers (Echinoidea, 2018, and Olive Sea Snake Digesting a Watermelon, 2018) imitate with their surfaces the intriguing nature of an automobile’s body of whose ecosystem they alter only an extremely technical role. Through this parody of their status,the sculptures acquire the liberty of a character capable of transforming his inadequacies into a new narrative structure. In Juste un Clou Rose(2018), Aceto considers the shape of an object with strong connotations, in this instance a Maison Cartier ring, by modifying its color and size in order to reach a formal neutrality that is stripped of any evident aesthetic allusions to the jewelry industry. Through this procedure of eliminating details, the object in the sculpture discovers itself to be a new entity, liberated from what usually defines it and limits it to one single productive, historical, and geographical context. The shape of a nail bent over onto itself can become an amulet for another culture. A muffler can transform into the image of a snake digesting a watermelon.
In a constellation of timid, inept objects, Gutter-Hydrant(2018), a hybrid gutter/fire hydrant with the features of some underwater creature, and Pen with an Arm(2018), an arm/fountain pen that serves as a street sign, were conceived by Aceto as index hands that guide the viewer’s gaze. Composed of double and even triple identities, these works work as “chimeras” that despite being clumsy and grotesque are capable of triggering an anti-narration and alternative model of using space, of observing and understanding works.

Regardless of whether this might be considered a show, a leisurely drive along the Trois Corniches ofthe French Riviera, or an illusory river cruise, what changes in the observer’s experience is the way in which the scene’s static elements are perceived and remembered. During this passage, whether sudden or of long duration, the objects and persons present lose detail and remain desaturated, evanescent memories.

Caterina Molteni is an independent curator who lives and works in Turin. She is Coordinator of Public Programs at Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli – Torino, and co-founder of TILE project space (Milan)and KABULmagazine. She wrote for Flash Art Italiaand in several publications such as That’s IT, MAMbo Museum, Bologna; Emotions of Colors in Art, Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea; and Metadata Galaxies and Compost, both edited by KABULMagazine. She recently curated Emilio Vedova—from the Collections of Castello di Rivoli, Alba, String Figures. Narration Practicesat Fondazione Baruchello, Rome, and L’isola portatile at ADA, Rome. She majored in Philosophy at the University of Milan and she holds an M.A. in Curatorial Studies from the Brera Academy of Fine Arts in Milan. In 2013–14, she attended CAMPO at Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin.