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MOLTEN /  MATTER THROUGH TIME
Irene Campolmi

Philosophisches Denken sollte nicht die innere Struktur eines Kunstwerks prägen, aber wo sie die Praxis eines Künstlers bereichert, gehen die Ergebnisse oft über das Ästhetische hinaus. Eröffnet Ästhetik einen Raum, in dem Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen ausgelotet werden können, die sich in Reaktion auf Reize einstellen, so hilft Philosophie uns, zu hinterfragen, was sie im Verhältnis zu unserem Orts- und Zeitbewusstsein auslösen und bedeuten. Die Ausstellung Molten denkt darüber nach, wie Materie wahrgenommen und aufgefasst wird, die Verwandlungen unterworfen ist, in denen sie aus dem für ihre Existenz charakteristischen Zustand in einen neuen übergeht.

Die Schau besteht aus einem begehbaren Environment, das mit zwanzig Tonnen Formsand gefüllt ist. Die Besucher schlendern durch eine Landschaft aus Sandhügeln und amorphen Objekten, für die dasselbe Material eingeschmolzen wurde. Während der gesamten Ausstellungsdauer modelliert der Künstler das ausgestellte Ausgangsmaterial weiter, um es in einen neuen Zustand zu versetzen. Nicola Martini lädt die Betrachter auf eine Reise zu den Hauptfragen ein, die seine künstlerische Forschung leiten: Materie und die Zwischenräume, in denen es im Lauf der Zeit eine andere Beschaffenheit annimmt. In der Ausstellung Molten dringen die Besucher im Wortsinn zum – physikalischen und philosophischen – Kern des Materials vor, das in Martinis künstlerischer Praxis zum Einsatz kommt. Durch die Reflexion auf die Momente, in denen Materie sich wandelt, verändert sie auch unser Verständnis der materiellen Bedingungen, denen wir im Alltag begegnen. Im Mittelpunkt von Martinis Forschung steht ein bestimmter Typ von Materie – ein künstliches Gemisch aus Sand und Phenolharz, das der Künstler für seine besonderen Charakteristika wie seine Schmelzeigenschaften und seine Fähigkeit, in der Nähe befindliche Partikel desselben Materials zu binden, ausgewählt hat.

Jedes Korn ist mit einer Schicht Phenolharz überzogen, die das Material unter Hitzeeinwirkung sich ausdehnen und mit anderen Körnern Bindungen eingehen lässt. Martini vertiefte sich in die Eigenschaften von Quarzsand, der ihm nun als Ausgangspunkt für seine Erkundungen dient; er erhitzt, formt, bewegt und modelliert das Material, um seine Natur zu erforschen und zugleich Arbeiten entstehen zu lassen, die in der Ausstellung als das Vokabular einer neuen Sprache erscheinen, mit der er seine Praxis vermitteln will. Beim Gang durch Molten ist leicht erkennbar, inwiefern Martinis Werk von der vielschichtigen und weitverzweigten philosophischen Struktur des „neuen Realismus“ Maurizio Ferraris’ inspiriert ist.[1]Jede Skulptur spiegelt sein philosophisches und materielles Verständnis einer anderen Wahrnehmungswelt wieder. In der Erkundung dieser „neuen“ Welt entmaterialisiert Martini die Beschaffenheit des von ihm verwendeten Materials, macht sich seine chemischen Eigenschaften zunutze und dekonstruiert die Formen, in denen es typischerweise zum Einsatz kommt. In dieser für Martinis künstlerische Praxis bezeichnenden destrukturalisierenden Operation klingt Graham Harmans Materialismus an.[2]Indem er sich in seiner Praxis eine objektorientierte philosophische Herangehensweise zu eigen macht, lässt er neues Licht auf das Wesen des Materialismus fallen.

Molten entfaltet Martinis Forschungen in Raum und Zeit und schafft einen Bereich, in dem er einen nachdenklicheren und tiefer dringenden neuen Zugang zur Materie findet. Die Ausstellung legt das Hauptaugenmerk darauf, wie die Modifikation eines Phenol-Quarzsand-Gemischs unsere Herangehensweise an die Welt und unser Verständnis von ihr verändern könnte, und ist insofern als Teil einer umfassenderen Meta-Reflexion auf das Anthropozän angelegt. Mit der Beherrschung des Schmelzprozesses gewann die Menschheit einen neuen Zugang zur Welt und begann, sie selbst zu gestalten. Der Augenblick, in dem Gemeinschaften in aller Welt lernten, Metalle zu erhitzen, zu schmelzen und zu formen, ist in vielerlei Hinsicht die Geburtsstunde der Technologie, ein historischer Wendepunkt, ab dem Menschen neue Wege einschlugen, die Natur und die sie regelnden Mechanismen zu manipulieren.

Die Ausstellung hat außerdem eine performative Komponente. Über zwei Monate hinweg unternimmt Martini eine Metamorphose des Raums, bei der er als ein neuer Prometheus auftritt. Während der gesamten Ausstellungsdauer erhitzt der Künstler portionsweise Sand und modelliert ihn zu Gestalten und Formen, die er zufällig im Raum anordnet, wodurch ein improvisiertes Labyrinth aus vertikalen und horizontalen Grundformen entsteht. Das Wort im Titel der Schau, Molten, stammt aus dem Mittelenglischen und ist eine veraltete Form des Partizips Perfekt von „melt“; damit verweist der Künstler auf die archaische und ursprüngliche Geste des Metallschmelzens als eine Operation, die am Beginn der Technologiegeschichte steht. Der in dem Moment, in dem er aus dem festen in den flüssigen Aggregatzustand übergeht und seine bestimmte Form verliert, festgehaltene Quarzsand weist auf bevorstehende Veränderungen und ein mögliches neues Verständnis der Wirklichkeit voraus. Die Verschmelzung, so Martini, kann ein Augenblick sein, in dem Materie in einen Kreislauf der Erneuerung eintritt, statt der Entropie anheimzufallen, und diese Herangehensweise ist entscheidend für seine künstlerische Deutung des Anthropozäns. Die im Ausstellungsraum im Keller eingerichtete Installation wird zu einem großen elastischen Gefäß, in dem die Essenz eines intellektuellen Prinzips (hier in Form von Quarzsand materialisierter Materie) in verschiedenen Stadien und Formen besteht, die für verschiedene Existenzzustände stehen und neue Ebenen der sinnlichen und gedanklichen Erfahrung erschließen.

In seinen früheren Arbeiten verwendete Martini dasselbe Material, konzentrierte es aber in bestimmten Formen wie Quadern und Kugeln, um seinen Handlungsspielraum genauer kontrollieren zu können. In Molten befreit der Künstler sein Arbeitsmaterial von allen Zwängen, lässt es den ganzen Ausstellungsraum einnehmen und vorübergehend ohne spezifische Form bestehen. Für die Betrachter, die die Schau betreten, sind das Rohmaterial auf der mikroskopischen Ebene wie auch seine eingeschmolzenen Zustände in makroskopischen Formen greif- und erfahrbar. Martini denkt die Installation als einen Erfahrungsraum, in dem die Betrachter Momente der Nähe zu diesen Mikro- und den Makro-Komponenten gleichzeitig wahrnehmen.

Heute, da die polaren Eiskappen der Erde wegen der durch die Interaktionen des Menschen mit dem Planeten (das Anthropozän) verursachten steigenden Temperaturen buchstäblich schmelzen, ruft der Ausstellungstitel weitere Assoziationen auf. „Molten“ bezeichnet die langsame, aber unablässige Bewegung von Materie, deren Aggregatzustand weder flüssig noch fest ist. Der Begriff bezieht sich auf die kurzlebige Übergangsphase, in der sie von einem Zustand in den anderen übergeht. Zugleich spiegelt sich im Wort „molten“ der „metaphorische Käfig“ wieder, in dem Materie sich in zwei Stadien zugleich befindet: davor und danach, fest und flüssig. Diesen Durchgang der Materie durch verschiedene Stadien diskutiert der Philosoph und Literaturwissenschaftler Timothy Morton als die „schiere Viskosität von Objekten“.[3]In seinem vieldiskutierten Buch The Ecological Thought[4]verwendet Morton den Begriff der „Viskosität“ zur Beschreibung von „Hyperobjekten“, also Ideen und Dingen, die wie globale Erwärmung oder radioaktives Plutonium so weit über Raum und Zeit verstreut sind, dass sie jede raumzeitliche Spezifizierung übersteigen. Auch das Anhaften des Harzes am Sand hat interessante Konnotationen. So ist etwa die Vorstellung des „Anhaftens“ eine Geste, durch die das Harz dem Sand verbunden ist. Grob gesagt trägt das Harz zudem zur Responsivität dieser bestimmten Konsistenz des Sands bei.

Mit dem Ende der Ausstellung bildet die Intervention des Künstlers eine Metapher im Kleinen für die Veränderungen, die die Menschheit am Aufbau des Planeten Erde vorgenommen hat. Die Farben der Landschaft werden bei der Gestaltung des Raums eine wichtige Rolle spielen: Der hellere und vielfarbige Sand wird Bereiche hervorheben, in die der Künstler nicht eingegriffen hat, während dunklere Bereiche die Orte bezeichnen werden, an denen Martini das Material erhitzt und in feste Form gebracht hat. Der Künstler nimmt die für sein Werk konstitutive Materie auseinander und verwandelt die Galerie in ein Labor, in dem die mikroskopischen Phänomene, die typischerweise Protagonisten der Verschmelzung des Phenolharzes sind, durch das makroskopische Prisma der Ausstellung beobachtbar werden.

Die Installation wird zum Experimentierfeld, in dem Paradoxien sich entfalten und Mikro- und Makroaspekte des Lebens ineinander verwoben werden, um einen Reflexionsraum entstehen zu lassen, in dem die Viskosität einer bestimmten Materie – Quarzsand – und die zeitlichen Zwischenräume erkundet werden, in denen ihr Zustand, ihre Beschaffenheit und damit auch ihre Funktion sich wandeln.

[1]Maurizio Ferraris, Manifest des neuen Realismus, übers. von Malte Osterloh (Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2014).

[2]Graham Harman, Towards Speculative Realism: Essays and Lectures(Winchester, UK: Zero Books, 2010).

[3]Timothy Morton, Hyperobjects: Philosophy and Ecology after the End of the World(Minnesota: University Of Minnesota Press, 2013).

[4]Timothy Morton, The Ecological Thought (Harvard: Harvard University Press, 2010).

 

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MOLTEN /  MATTER THROUGH TIME
Irene Campolmi

Philosophical thinking should not inform the core structure of a work of art, but when it helps nurture the practice of an artist, the outcomes often go beyond aesthetics. Where aesthetics opens up a space for exploring thoughts, feelings and perceptions that manifest in response to stimuli, philosophy helps us to question what they activate and mean in relation to our sense of place and time.The exhibition Molten reflects on the ways matter is perceived and understood throughout the transformations it undergoes, from the condition that characterises its existence into another.

The installation comprises an immersive environment filled with twenty tonnes of thermal sand. Visitors walk through a landscape of sand hills and amorphous pieces made from a melted version of the same material. Throughout the duration of the exhibition, the artist moulds the display material to transform the matter from its original state. Nicola Martini invites the audience to embark on a journey through the key issues that inform his artistic research: matter and the interstices in which it transitions from one state into another over time. Molten is an exhibition that enables visitors to quite literally get to the heart of the matter that Martini uses in his artistic practice – physically and philosophically – reflecting on the moments when matter changes, and modifying our understanding of the material conditions we deal with each day. In particular, Martini’s research looks at one specific type of matter – phenolic sand, an artificially composed kind of sand selected by the artist for its special properties, including the way in which it melts and binds with nearby pieces of the same material.

A coat of phenolic resin covers each grain, and this substance enables the material to expand and blend with other grains with the application of heat. Martini studied the properties of quartz sand and used this as a point of departure for his investigation; heating, moulding, moving and shaping the matter to simultaneously explore its nature and generate pieces that, throughout the show, constitute the vocabulary for a new language he aims to develop to help communicate his practice. Navigating Molten, one can easily seein which way Martini’s work is inspired by the complex and articulated philosophical structure of Maurizio Ferraris’s “new realism.”[1]Each sculpture reflects his philosophical and material understanding of another realm of perception. Exploring this “new” realm, Martini de-materialises the consistency of the matter he uses, exploiting its chemical properties and deconstructing the forms it is typically used for. In this operation of destructuralisation, Martini’s artistic practice echoes Graham Harman’s materialism.[2]By embracing an object-oriented philosophical approach in his practice, he sheds new light on the nature of materialism.

Molten unfolds Martini’s research into space and time, creating an area in which he reconnects with matter in a more thoughtful and profound way. Because the exhibition focuses on how the modification of a phenolic-coated quartz sand might change how we approach and understand the world, it is conceived as part of a larger meta-reflection on the Anthropocene. Mastering the melting process has transformed the way in which mankind approaches and shapes the world. The moment when communities around the world learned to heat, melt and mould metals marks, in many respects, the beginning of technology, a historical juncture when mankind investigated a new way to manipulate nature and the mechanisms regulating it.

The exhibition also contains a performative component. Over two months, Martini initiates the metamorphosis of the space, assuming the role of a contemporary Prometheus. Throughout the show, the artist heats up portions of the sand, moulding shapes and forms that he randomly places in the space, designing a casual labyrinth of vertical and horizontal primordial forms. The title of the show, Molten, is an archaic Middle English form of the past participle of “melt”, which the artist adopts to refer to the archaic, primordial gesture of melting metal as an operation that points to the beginning of technology. The moment in which quartz sand turns from a solid into a liquid state of an undefined shape is one that is suspended in time, and anticipates change and a possible new understanding of reality. Martini understands fusion as a potential moment in time for matter to enter a cycle of regeneration rather than entropy, and this approach is crucialto his artistic reading of the Anthropocene. The installation, hosted in the underground room, becomes a large, elastic vessel in which the essence of an intellectual principle (in this case, matter materialisedin the form of quartz sand) exists at different stages and in different shapes, signifying the different stages of existenceand conveying new levels of sensorial and intellectual experience.

In his previous works, Martini has employed the same matter, but concentrated it within determined forms, such as rectangular parallelepipeds and spheres, to be more in control of his own space of action. With Molten, the artist frees the working material from all constraints, enabling it to occupy the whole exhibition space and exist without a specific form for a short time. The audience enters, tangibly experiencing both the raw material on a microscopic level and its melted versions in forms on a macroscopic level. Martini conceives the installation as a space of experience in which the audience perceives moments of proximity to these micro and macro components simultaneously.

Now that the Earth’s ice caps are quite literallymelting due to rises in temperature caused by man’s interactions with the planet (the Anthropocene), the title of the exhibition, Molten, has additional connotations. “Molten” refers to the slow but continuous movement of matter that exists in neither a liquid nor a solid state. The term indicates the fraction of time within which matter switches from one condition to another one. “Molten” is also a term that reflects the “metaphorical cage” in which matter holds two stages: the before and the after, the solid and the liquid.This passage of matter through different stages is what scholar Timothy Morton addresses as the “sheer viscosity of objects.”[3]In his renowned book The Ecological Thought,[4]Morton uses the term “viscosity” to describe “hyperobjects,” i.e. concepts and objects that are so widely distributed across space and time they transcend spatiotemporal specificity, like global warming or radioactive plutonium. Additionally, the attachment of the resin to the sand has interesting connotations. For example, the notion of “being attached” is a gesture through which the resin holds on to the sand.Broadly speaking, the resin also contributes to the responsivity of that certain consistency of the sand.

At the conclusion of the exhibition, the intervention of the artist serves as a microcosmic metaphor of the modifications that mankind has made to the structure of planet Earth. The colours of the landscape will significantly determine the conformation of the space: the lighter, multi-coloured sand will highlight areas where the artist has not intervened, and the darker areas will mark the places where Martini has heated the matter and turned it into a solid form. The artist unpacks the constitutive matter of his work and transforms the exhibition space into a laboratory in which the microscopic phenomena that are the typical protagonists of the fusion of the phenolic resin are observed macroscopically through the lens of the exhibition.

The installation becomes a field of experimentation and paradoxes, where micro and macro aspects of life intertwine, creating a space of reflection that explores the viscosity of a specific matter – quartz sand – and the interstices in time in which it changes its status, consistency and, thus, function.

[1]Maurizio Ferraris,Introduction to New Realism, trans. Sarah de Sanctis (London: Bloomsbury Academic, 2015).

[2]Graham Harman, Towards Speculative Realism: Essays and Lectures(Winchester, UK: Zero Books, 2010).

[3]Timothy Morton, Hyperobjects: Philosophy and Ecology after the End of the World(Minnesota: University Of Minnesota Press, 2013).

[4]Timothy Morton, The Ecological Thought (Harvard: Harvard University Press, 2010).