DENNIS LOESCH
OPEN AS SMART OBJECT
ERÖFFNUNG: SAMSTAG 24. MÄRZ, 18-20H
AUSSTELLUNG: 24. MÄRZ – 20. APRIL, 2012

DITTRICH & SCHLECHTRIEM freut sich, OPEN AS SMART OBJECT die Einzelausstellung des in Berlin-Hamburg lebenden Künstlers Dennis Loesch zu präsentieren.

OPEN AS SMART OBJECT – Joy Kristin Kalu
Als bildende Künstler begannen, ihre Bildträger in die Dreidimensionalität zu öffnen, gingen sie dabei zwei scheinbar entgegengesetzte Wege. Der Unterschied lässt sich besonders klar an Robert Rauschenbergs und Frank Stellas Arbeiten der 1950er Jahren veranschaulichen: Während Rauschenberg in seinen Combine Paintings gefundenes, alltägliches, häufig populärkulturelles Material kombinierte und vom flachen Bildgrund aus in den Raum ragen ließ, legte Frank Stella die Keilrahmen seiner Black Paintings ein wenig tiefer an, so dass seine geometrisch strukturierten, reduzierten Bilder in ihrer Objekthaftigkeit auffällig wurden. Stella war somit offensichtlich ein Vorläufer der sogenannten Minimal Art Donald Judds, Carl Andres, Dan Flavins und anderer, die in den 1960er Jahren zu normierten, z.T. massengefertigten Objekten griffen und diese an der Wand oder auf dem Boden streng geometrisch installierten. Während sich die Pop Art der 1960er Jahre der Gegenständlichkeit verschrieben hatte und an der Ästhetik der Werbung, der Medien und des Produktdesigns orientierte, verweigerte die Minimal Art die Repräsentation von Inhalten, die über die Materialität ihrer Objekte hinausging. Die Selbstbezüglichkeit der Arbeiten stand im Vordergrund.

Dennis Loeschs Memory Sticks verschränken nun ein halbes Jahrhundert später beide Gesten: Sie übernehmen mit der systemischen Anordnung handelsüblicher Aluminiumstangen die auf eine Betonung der Materialästhetik abzielende Klarheit der Minimal Art, setzen aber dann ganz und gar nicht auf Selbstreferenz, sondern nutzen die Objekte vielmehr als aufgesprengte Bildflächen, auf denen zeitgenössisches Print- und Fotomaterial mit hohem Wiedererkennungswert nun verfremdet zur Schau gestellt wird. Die Memory Sticks, 2010 als extra analoge Entsprechung des gleichnamigen digitalen Speichermediums konzipiert – Stangen auf denen sich winzige Fotos aus dem digitalen Bildarchiv des Künstlers aneinander drängen – haben sich verändert und sind nun überwiegend als Ensembles zu sehen, die lediglich ein Bild wiedergeben. Sie sind inzwischen zum ‚Bildverfahren‘ des Künstlers geworden, mit dem er ganz unterschiedliche Vorlagen in die Skulptur übersetzt: Playmates, Spielkarten und Geldscheine fanden bereits den Weg über seinen Scanner in die Zerlegung, Verschiebung und schließlich in das mal surreal, mal grafisch clean anmutende Arrangement.

In der gegenwärtigen Ausstellung steht das geschriebene Wort im Mittelpunkt der Installationen: Das Ausgangsmaterial entstammt ausnahmslos den Printmedien: Tageszeitungen, Kunst-, Mode- und Lifestylemagazinen entnommene Artikel und Cover wurden eingescannt, deren Fragmente in Form von Logos, Textblöcken und begleitendem Bildmaterial vergrößert und der inzwischen etablierten Norm der Sticks mit einem Durchmesser von 4×4 cm entsprechend zerschnitten, aufgeklebt und umgestellt. Hier ist der Memory-Effekt ein ganz anderer: Der Akt der Betrachtung kreist um die Frage Was gehört zusammen? Logos und Bilder werden mehr erahnt denn erkannt, gedanklich wird zusammengeschoben, was Loesch physisch separiert hat. Die smarten Objekte wissen mehr als ihre Betrachterinnen und Betrachter. Wie die in Informationstechnologien eingebetteten smart objects, denen auch im Photoshop-Menü jener Befehl gewidmet ist, dem die Ausstellung ihren Titel verdankt, sind sie in der Lage, Informationen zu speichern, zu verarbeiten und mit ihrer Umgebung zu interagieren. Dabei legen sie es allerdings gerade nicht darauf an, die Differenzen zwischen physischer und digitaler Welt zu überbrücken, sondern sie erheben die Lücke im intermedialen Informationsfluss vielmehr zur Maxime.

Der Text als Bild, aus seinem Argumentationszusammenhang gelöst und vom Sinnmachen befreit, tendiert hier zur Abstraktion, löst sich zuweilen in Form und Farbe auf, betont die Materialität seiner Vorlage. Und dabei hat das von Loesch bearbeitete Printmaterial bereits im Vorfeld ganz ähnliche Transformationsprozesse unterlaufen: So gingen ihm im Rahmen des Layouts bereits vielschichtige Prozesse der Auswahl, Digitalisierung und Bearbeitung voraus, die allerdings in der Flächigkeit des alles einebnenden Druckverfahrens mündeten. Loesch spitzt diese Übersetzungsleistungen nun weiter zu: Die Herkunft von Bildern, Worten und Gedanken, die Kontexte und Strategien ihrer Präsentation werden ad absurdum geführt, in Rasterpunkte aufgelöst und – ganz anders – in den Raum und zur Disposition gestellt. In der aktuellen Verschiebung verliert sich die grafische Flächigkeit des Textes genauso wie jede perspektivische Tiefe des begleitenden Fotomaterials; beide werden in die reale Räumlichkeit der skulpturalen Dreidimensionalität der Sticks überführt, die den Effekt eines Vexierbildes birgt: Die Aufsprengung der Bilder hält die Betrachterinnen und Betrachter in Bewegung. Aus jeder Perspektive ergeben sich ganz neue Einsichten.[…]

Die Fragmentierungen, Unterbrechungen und Vermischungen des Materials, das Zoomen auf Details und die Beschränkung auf den Ausschnitt, die die Sticks ganz unterschiedlich vorführen, sind dabei unseren zeitgenössischen Sehgewohnheiten nicht fremd. Die Ästhetisierung des in die Dreidimensionalität übersetzten Materials führt zu einer Distanzierung von dessen ursprünglichem Inhalt, die bereits dem double coding der Vorlagen zu eigen ist, die Seite an Seite Signale zum Überfliegen und Vertiefen senden. Die Memory Sticks vergrößern nun buchstäblich die ‚Oberflächlichkeit‘ des Materials. Gleichzeitig aber legen sie den massenmedialen Informationsfluss, dem sie entstammen, auszugsweise lahm. Sie fordern heraus, genauer hinzusehen, bieten Einblick in die Beschaffenheiten der involvierten Materialitäten und geben zudem den Übersetzungsleistungen eine Substanz. Den Spuren der Wiederholungsprozesse, Fehlern und Unebenheiten, die sich der Scanneroberfläche, Gebrauchsspuren des Ausgangsmaterials oder aber dem manuellen Prozessen des Collagierens zuordnen lassen, wird mittels der Vergrößerung Raum gegeben. Sie verweisen auf die zahlreichen Transformationen, die das massenhaft produzierte Ausgangsmaterial durchlaufen hat, vereiteln dessen schnellen Konsum und laden es mit der Aura des Originals auf.

Der vollständige Text inklusive farbiger Abbildungen zur Ausstellung ist im Katalog OPEN AS SMART OBJECT nachzulesen, erhältlich in der Galerie.
OPEN AS SMART OBJECT ist Loeschs vierte Einzelausstellung in Berlin. Seine Arbeiten wurden in Europa und  Los Angeles, USA gezeigt. Dennis Loesch ist in der Sammlung des MoMA, NewYork vertreten.


DENNIS LOESCH
OPEN AS SMART OBJECT MARCH, 6-8 PM
EXHIBITION: 24 FMARCH – 20 APRIL, 2012

DITTRICH & SCHLECHTRIEM is pleased to present OPEN AS SMART OBJECT a solo exhibition by Berlin-Hamburg based artist Dennis Loesch.

OPEN AS SMART OBJECT – by Joy Kristin Kalu
When visual artists started extending their support media into three dimensions, they chose between two ostensibly contrary avenues. A comparison between Robert Rauschenberg’s and Frank Stella’s works from the 1950s illustrates the difference most clearly: Rauschenberg’s Combine Paintings mixed found everyday materials, often specimens of popular culture, which protrude from the flat support medium into space; Stella, by contrast, used slightly deeper stretcher frames for his Black Paintings, which made the objecthood of his geometrically structured and reduced pictures conspicuous. In this regard, Stella’s work was an obvious precursor of the so-called Minimal art that Donald Judd, Carl Andre, Dan Flavin, and others would produce in the 1960s, using standardized and sometimes mass-produced objects and installing them in rigorously geometrical arrangements on the wall or floor. Whereas 1960s Pop art subscribed to representation and an aesthetic modeled on advertising, media, and product design, Minimal art refused to represent anything beyond the materiality of its objects. The focus was on the self-referential quality of the works.

Half a century later, Dennis Loesch’s Memory Sticks now intertwine the two gestures: the systematic arrangement of store-bought aluminum rods adopts the clarity of Minimal art with its aim of emphasizing the aesthetic qualities of the material; but then the focus is on anything but self-reference the objects serve as fractured support media for imagery, displaying defamiliarized versions of highly recognizable contemporary printed and photographic materials. Conceived in 2010 as a decidedly analogue equivalent of the storage media known by the same name, the Memory Sticks rods whose surfaces teem with tiny photographs from the artist’s digital image archive have undergone mutation; most of them must now be regarded as ensembles displaying a single picture. They have become the artist’s ‘imaging procedure,’ allowing him to translate a wide range of originals into sculpture: playmates, playing cards, and banknotes have all found their way into his scanner, were dismantled and displaced and ultimately arranged in compositions that now seem surreal, now sport a clean graphic look.

In the current exhibition, the written word stands at the center of the installations. The sources are entirely gleaned from printed media: the artist scanned articles and covers lifted from daily papers and art, fashion, and lifestyle magazines, magnified fragments logos, blocks of text and the accompanying imagery he cut into square pieces of 4 by 4 cm (the format has become the established standard for the Sticks), rearranged them, and pasted them to the rods. In this instance, the Memory effect is a very different one: the act of beholding revolves around the question, What belongs together? We intuit rather than recognize logos and images, putting together before the inner eye what Loesch has separated in the physical world. These smart objects know more than their beholders do. Like the ‘smart objects’ embedded in information technologies the related command from a menu in Photoshop has given the exhibition its title they are capable of storing and processing information and interacting with their environment. Their aim, however, is precisely not to bridge the differences between the physical and digital worlds; to the contrary, they make the gap in the inter-media flow of information their maxim.

Text as image, isolated from its argumentative contexts and freed of the burden of having to make sense, here tends toward abstraction, sometimes dissolving into shape and color, emphasizing the material qualities of the source. But in fact the printed materials Loesch has manipulated had already undergone very similar processes of transformation: during the work on the layout, their creators performed the multi-layered task of selecting, digitizing, and altering their sources, though their work was eventually fed into the flatness of the printing process. Loesch gives this work of translating another twist: the origins of images, words, and ideas, the contexts and strategies of their presentation are reduced ad absurdum, dissolved into matrix dots and set out for debate in a very different form. This most recent displacement dissolves the graphical flatness of the text as much as any perspectival depth of the accompanying photographic materials; both are converted into the real spatial existence of the three sculptural dimensions of the Sticks, a transformation that produces the effect of a picture puzzle: blown to pieces, the images keep the beholders moving. Any shift of perspective offers entirely new insights […]

The fragmentation, disruption, and intermingling of the materials, the zooming-in on minutia, and the confinement to detail that the Sticks display in a wide range of ways are not alien to our contemporary visual habits. The aesthetic aura that surrounds the imagery once it has been translated into three dimensions sets the original content at a distance that is already implicit in the ‘double coding’ of the sources: page after page, they send simultaneous signals inviting us to skim as well as immerse ourselves. The Memory Sticks now quite literally expand the ‘superficiality’ of this material. Yet they also selectively shut down the mass-media information flow from which they derive. They challenge us to look more closely, offering insights into the qualities of the materials involved and lend substance to the labor and effects of translation. The magnification affords a place to the traces left by the processes of reproduction: blemishes and imperfections owed to the scanner’s platen glass, wear on the source material, or the manual process of making the collage. These traces point to the numerous transformations the mass-produced source material has undergone, defying rapid habitual consumption and charging the imagery with the aura of the original.

Full catalog text included in catalog for OPEN AS SMART OBJECT, available for purchase at the gallery.
This is Dennis Loesch’s fourth solo show in Berlin. He has exhibited throughout Europe, as well as Los Angeles. His work is included in the collection of MoMA, New York.