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KLAUS JÖRRES
GrünLand
AUSSTELLUNG: 09. AUG–07. SEP, 2019
ERÖFFNUNG: FREITAG, 09. AUG, 18-20 UHR

DITTRICH & SCHLECHTRIEM freuen sich, die dritte Einzelausstellung mit Werken von Klaus Jörres (geb. Düren, DE, 1973) in der Galerie anzukündigen. Unter dem Titel GrünLand zeigt der Künstler eine Reihe großer Gemälde an den Wänden des Ausstellungsraums, sowie an mehreren modularen und beweglichen Metallgestellen installiert, die sich frei im Raum befinden und eigens für die Kunstwerke angefertigt wurden. Außerdem ist eine Serie von Arbeiten in einem für den Künstler untypischen kleinen Format zu sehen.

Im Zentrum von Jörres’ Kunst steht der raumzeitliche Charakter unserer Wahrnehmungen. Die Arbeiten werden in linearen Schichten angelegt und von Hand in Acrylfarben ausgeführt; dabei werden mehrfach Bereiche abgeklebt und wieder freigelegt, sodass in einer Vielzahl von Anordnungen und Arbeitsschritten eine flächige und doch auf subtile Weise räumliche Oberfläche entsteht. Die Spannungen, die in die Komposition der Landschaft eingelassen sind, rufen falsche Schatten oder Formen hervor, die sich unter den Augen des Betrachters zu bewegen scheinen. Aus diesem lebhaften Energiefluss heraus durchbricht das Werk die Flächigkeit seiner minimalistischen Form und drängt zurück in eine Dreidimensionalität, die sich nun auf den Vorder- und Rückseiten der modularen Gestelle entfaltet. Diese rollen nach links oder rechts, drehen sich um ihre eigene Achse, ein beinahe performativer, aber als Funktionalität und rationale Gestik getarnter Auftritt.

Mit dem Schritt in die Natur folgt Jörres der Suche des ermatteten Metropolenmenschen nach Authentizität, wie sie schon vor 200 Jahren die Romantiker, vor 100 Jahren die Anthroposophen und vor fünfzig Jahren die Hippies betrieben: emsig, sehnsüchtig, verzweifelt. Der Berliner Maler hingegen ist abgeklärt: Seine Landschaften sind Fake News. Wer hier nach Wahrheit sucht, wird lange umherirren. Er wird versuchen, die Bilder in seinem Kopf zu Ende zu malen und eigene Assoziationen zu finden, die an Berge und Wiesen erinnern, und landet doch nur bei Farbstreifen und simplen, computergenerierten Schemata. Naturdarstellung und Technologie sind eins – und geben, nach einigen Täuschungsmanövern, nicht vor, etwas anderes zu sein. Eine Versenkung in die Landschaft ist nicht möglich. Natur fühlt sich so ausgedacht und körperlos an wie die Hügel und Wiesen in einem Computerspiel oder wie im flimmernden Bild auf dem Monitor, nachdem sich der Server aufgehängt hat. Was seltsamerweise so entsteht, ist ein Retro-Effekt: Der Verfall, der jeder Technologie eingeschrieben ist, ist in diesen Bildern spürbar wie ein Fehler im System. Fühlte einst der Mensch beim Blick in die Landschaft seine eigene Vergänglichkeit und ließ sich vom Kreislauf der Natur erschüttern, wartet nun ihr synthetisches Abbild darauf, von der neuesten Simulation abgelöst zu werden. Wie die Natur sich permanent erneuert, so tut die Technik es auch.

Jörres’ Leinwände spiegeln diesen Verlauf auf ernüchternde Weise: In ihnen spürt man die Diskrepanz zwischen dem Bild einer zerstörten und der Simulation einer perfekten Natur. Ihre Authentizität gibt es nicht mehr. Fern von jeder Melancholie zeugen seine Naturdarstellungen vom ständigen Scheitern: des Planeten, der gegen den Menschen verloren hat. Der Technik, die nie vollkommen ist. Und des Menschen selbst, der sich selbst den Raum zum Atmen nimmt. Der Abstand, den uns Jörres beim Betrachten seiner Bilder einzuhalten zwingt – weil sie in der Nähe ihren Zusammenhalt verlieren und zu bloßen Farbstreifen werden – entspricht der Distanz des Menschen zur Welt, zu den Dingen und zu sich selbst.

Die Bilder auf Rollgestellen zu montieren, ist das ultimative Sinnbild einer Haltung, die im Grunde längst Alltag ist: Wir schieben Natur von uns weg oder ziehen sie hervor, wie es uns gerade passt. Als schematisiertes Abbild ist sie bloße Dekoration, die wir nach Belieben ins Blickfeld rücken können. Vertieft sich der Metropolenmensch in die Berglandschaft unterm Abendhimmel, seinen Green Smoothie aus dem Plastikbecher schlürfend, ist der Himmel eine Ozonglocke, die sich über eine Müllhalde wölbt, und unter den Wiesen ist der Boden verseucht. Kälter kann der Blick in die Landschaft kaum sein.

Dieser Ausschnitt stammt aus FAKE-NATUR, einem Essay, den GESINE BORCHERDT für den Katalog zur Ausstellung beigesteuert hat, der ab Mitte August über die Galerie zu beziehen sein wird. Für weitere Informationen zum Künstler und den Werken sowie Bildanfragen wenden Sie sich bitte an Nils Petersen, nils(at)dittrich-schlechtriem.com.

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KLAUS JÖRRES
GrünLand
EXHIBITION: AUG 05, 2019–SEP 07, 2019
OPENING: FRIDAY, AUG 09, 6–8 PM

DITTRICH & SCHLECHTRIEM is pleased to present our third solo exhibition with Klaus Jörres (b. Düren, DE, 1973), titled GrünLand. The artist will present a series of large wall-mounted paintings and four sets of movable modular racks custom-fitted to the artworks. The show will also include a series of small-scale works, a departure from the norm for the artist.

At the heart of Jörres’s art is the spatio-temporal nature of our perceptions. The work is laid out in linear layers, hand-painted in acrylics, taped off and removed several times, in a multitude of arrangements and steps, creating a flat yet subtly spatial surface. The tensions in the composition of the landscape create false shadows or shapes that appear to shift under observation. Building on this vibrant flowing energy, the flatness of the minimalist work is challenged, pushed again into the 3D realm, now occupying both the front and the back of the modular racks. Racks will roll to the left or right, turn at angles, almost performative, yet disguised in function and rational gestures.

In stepping out into nature, Jörres shadows the weary metropolitan on his quest for authenticity, a quest pursued a full two centuries ago by the Romantics, followed by the anthroposophists a hundred years later and the hippies of a half-century ago: assiduous, wistful, despairing. The Berlin-based painter, by contrast, is worldly-wise: his landscapes are fake news. A viewer who would find truth in them will search high and low, his gaze wandering over their surfaces, will try to finish the pictures before his mental eye and supply his own associations, will recall mountains and meadows and yet come up with nothing but stripes of color and basic, computer-generated patterns. The representation of nature and technology are one—and, after a few feints, do not pretend to be anything else. Immersion into the landscape is blocked. Nature feels as contrived and bodiless as the hillocks and lawns in a videogame or the flickering image on the screen when the server has crashed. The result, oddly, is a retro effect: the degradation that is built into any technology is palpable in these pictures like a bug in the system. If man once gazed upon the landscape to sense his own mortality and let the cycle of nature awe him, its synthetic image now approaches its obsolescence, the next cutting-edge simulation already waiting in the wings. Nature perpetually renews itself; so does technology.

Jörres’s canvases offer a sobering reflection of this cycle: they let us feel the discrepancy between the likeness of a ravaged nature and the simulation of its perfection. Its authenticity is no more. Untinged by melancholy, his representations of nature bear witness to incessant failure: the failure of the planet, which was no match for man; of technology, which is never perfect; and of man himself, who is depriving himself of all breathing room. The distance at which Jörres’s pictures sternly hold us—if we approach them, they disintegrate into mere stripes of color—corresponds to the distance that separates man from the world, from things, and from himself.

The racks with casters on which the pictures are mounted are the ultimate emblem of an attitude that, for all intents and purposes, has long defined our everyday lives: we push nature aside or bring it back out as we please. As a schematic image, it is mere decoration, which we can drag into the field of view whenever we feel like it. When the metropolitan feasts his eyes on the mountain scenery beneath the evening sky, slurping his green smoothie from a plastic cup, that sky is a layer of ozone vaulting over a garbage dump, and the soil beneath the meadows is contaminated. It is hard to imagine a more cold-eyed view of the landscape.

The above is an excerpt from FAKE NATURE by GESINE BORCHERDT; the essay is included in the exhibition catalogue published by the gallery and available in mid-August. For further information on the artist and the works or to request images, please contact Nils Petersen, nils(at)dittrich-schlechtriem.com.